Künstliche Intelligenz entwickelt sich zunehmend vom Beratungs- zum Transaktionskanal. Wenn Einkäufe künftig direkt in Chat-, Such- oder Assistenzoberflächen stattfinden, braucht es standardisierte Schnittstellen zwischen KI-Agenten und Händlersystemen.
Zwei derzeit besonders sichtbare, offen spezifizierte Ansätze sind das Agentic Commerce Protocol (ACP) und das Universal Commerce Protocol (UCP).
Während wir „Agentic Commerce“ als Konzept bereits separat betrachtet haben, geht es hier bewusst um die technische Infrastruktur und deren praktische Konsequenzen für Händler.
Warum überhaupt neue Protokolle?
Heute entstehen neue Vertriebskanäle meist durch individuelle Integrationen. Ohne gemeinsame Standards müsste jeder KI-Agent individuell an jeden Händler angebunden werden. Das führt schnell zu einem Wildwuchs von Schnittstellen (dem sog. NxN-Integrationsproblem): Mit jeder zusätzlichen Plattform und jedem weiteren Händler steigt die Komplexität exponentiell.
ACP und UCP versuchen, diese Fragmentierung durch standardisierte Schnittstellen zu reduzieren, insbesondere für:
- Produkt- und Verfügbarkeitsdaten
- Checkout-Logik
- Zahlungsautorisierung
- Bestell- und After-Sales-Funktionen
Zentral ist dabei: In beiden Ansätzen bleibt der Händler Merchant of Record. Das bedeutet, dass Rechnungen, Rückerstattungen, Chargebacks und der Kundensupport im bestehenden System des Handlers vebleiben.
ACP: schlankes Protokoll für „Checkout aus dem Chat“
ACP ist ein schlanker, transaktionsorientierter Ansatz. Im Kern definiert er zwei Elemente:
Strukturierte Produktdaten
Händler stellen Produkt-, Preis- und Bestandsdaten so bereit, dass ein KI-Agent diese deterministisch abrufen und weiterverarbeiten kann. Entscheidend ist nicht „KI- Optimierung“, sondern:
- klare Feldstrukturen
- eindeutige Produkt-IDs
- konsistente Preislogik
- valide Verfügbarkeiten
Delegierte Zahlungsautorisierung
Statt vollständiger Zahlungsdaten übermittelt der Agent einen merchant- und betragsbezogenen Zahlungstoken. Dieser ist auf die konkret autorisierte Transaktion beschränkt.
Der Nutzer bestätigt jeden Schritt explizit.
Wichtig für Händler:
- ACP ermöglicht Transaktionen direkt aus KI-Oberflächen heraus, ohne dass Händler ihre Kernprozesse neu bauen müssen.
- Der Kauf erfordert explizite Nutzerbestätigung.
- Es handelt sich weniger um einen umfassenden Journey-Standard als um eine standardisierte Brücke zwischen Agent und bestehendem Checkout.
UCP: modularer Standard für die gesamte Commerce-Journey
UCP wurde von Google initiiert und als Open-Source-Standard veröffentlicht. Der Ansatz ist deutlich breiter angelegt.
- Handelsfunktionen in klaren Bausteinen (Capabilities)
- Händler stellen standardisierte Funktionen bereit, etwa Produktsuche, Checkout, Bestellverwaltung oder After-Sales-Services.
- Ein KI-Agent erkennt automatisch, welche dieser Funktionen ein Händler unterstützt, und nutzt sie im passenden Ablauf.
- Erweiterungen für zusätzliche Geschäftslogik (Extensions)
- Optionale Module ergänzen die Grundfunktionen, z. B. Rabatte, Loyalty-Programme oder spezielle Checkout-Varianten.
- Händler können so differenzierte Kaufprozesse abbilden, ohne den Kernstandard zu verändern.
- Digitale Zahlungsinstrumente (tokenisiert) mit Autorisierungsnachweis
- Zahlungen erfolgen über digitale Zahlungsinstrumente, die in einzelne digitale Einheiten überführt werden (tokenisiert), in Kombination mit einem kryptografischen Nachweis der Nutzerautorisierung.
- Unterschiedliche Zahlungsarten und Wallets werden über sogenannte Payment Handler eingebunden.
Wichtig für Händler:
- UCP ist auf den Einsatz in großen, bestehenden Oberflächen ausgelegt (z. B. Suche und Shopping-Umfelder).
- UCP ist kein reiner Checkout-Standard, sondern ein struktureller „Journey-Standard“.
- Obwohl der Standard offen spezifiziert ist, erfolgt die erste breite Implementierung in reichweitenstarken Plattformumfeldern. Das kann, trotz formaler Offenheit, faktisch neue Abhängigkeiten erzeugen.
Was sind die Unterschiede?
ACP
- schlankes, fokussiertes Protokoll für direkte Transaktionen aus KI-Assistenten
- relativ schnell implementierbar (Produkt-Feed + Checkout-Schnittstelle)
- eröffnet neue Verkaufskanäle außerhalb bestehender Plattformen
- skaliert vor allem über Payment-Partner und Commerce-Plattformen, nicht über eigene Reichweite
UCP
- deutlich umfassenderer, modularer „Journey-Standard“ statt reiner Checkout-Logik
- geeignet für komplexere Handelsabläufe (Rabatte, Loyalty, After-Sales, Support)
- strategisch darauf ausgelegt, in großen, bestehenden Oberflächen sofort zu wirken. Insbesondere dort, wo Google bereits der zentrale Zugangspunkt ist (Suche, Shopping).
- verbindet offene Standardisierung mit massiver Plattformreichweite, was die Abhängigkeit von bestehenden Gatekeepern tendenziell verstärkt
- höherer Funktionsumfang, aber auch mehr strukturelle und technische Komplexität
Regionale Einordnung: USA treiben, Europa prüft, Deutschland zögert
International zeigen sich deutliche Unterschiede im Umgang mit ACP und UCP. In den USA laufen erste produktive Rollouts (insbesondere bei ACP) sowie Onboarding- und Referenzimplementierungen (bei UCP). In der EU ist man deutlich zurückhaltender: Hier stehen Datenschutz, Zahlungsregulierung und Verbraucherschutz im Vordergrund, gleichzeitig beteiligen sich europäische Akteure aktiv an der Gestaltung von Standards. Deutschland nimmt aktuell eine abwartende Rolle ein mit dem Risiko, dass neue Checkout-Standards über große Plattformen faktisch gesetzt werden, bevor der Mittelstand strategisch darauf vorbereitet ist.
Was heißt das für deutsche Mittelständler konkret?
Struktur schlägt Oberfläche
In agentischen Umfeldern wird nicht primär das visuelle Shop-Frontend konsumiert, sondern strukturierte Produkt- und Transaktionsdaten.
Händler sollten ihre Systeme so organisieren, dass:
- Produkt-, Preis- und Bestandsdaten strukturiert und API-basiert abrufbar sind
- Variantenlogik eindeutig definiert ist
- Versand- und Retourenregeln maschinell interpretierbar sind
- Daten systemübergreifend konsistent bleiben
Die Herausforderung liegt weniger in „KI-Anpassung“ als in Datenqualität und Governance.
Zahlungsarchitektur wird strategisch
Zahlungsdienstleister spielen eine zentrale Rolle, weil sie die technische Anschlussfähigkeit agentischer Zahlungen ermöglichen.
Händler sollten aktiv klären:
- Welche Unterstützung für ACP oder UCP ist geplant?
- Wie werden lokale Zahlarten (SEPA, Rechnung, BNPL) in agentischen Kontexten integriert?
- Wie bleibt SCA-konforme Authentifizierung nutzerfreundlich?
Strategische Schlussfolgerung
ACP und UCP markieren frühe Infrastrukturansätze für KI-gestützte Transaktionen.
Für Händler läuft es realistisch nicht auf „ACP oder UCP“ hinaus, sondern auf unterschiedliche Integrationspunkte je nach Oberfläche und Vertriebskanal:
- ACP adressiert transaktionale Interaktionen aus KI-Assistenten.
- UCP strukturiert Handelsprozesse in reichweitenstarken Plattformumfeldern.
Entscheidend ist nicht die Wahl eines Protokolls, sondern die eigene strukturelle Anschlussfähigkeit: saubere Datenarchitektur, konsistente Geschäftslogik und eine strategisch gedachte Zahlungsinfrastruktur.
Wer diese Grundlagen vorbereitet, gewinnt Handlungsspielraum, bevor Standards faktisch gesetzt sind.